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Von Detlef Hacke
Ukrainische Höhlenforscher haben das tiefste je entdeckte Loch der Erde erkundet: Mehr als zwei Kilometer weit kletterten sie in die abchasische Krubera-Höhle hinein.
Es ist ein feuchter, enger und kühler Ort, an dem Jurij Kasjan und sein Team Geschichte schreiben. Kaum zehn Meter hoch und ebenso breit ist die Felsenkammer in den Tiefen des abchasischen Arabika-Massivs. Feiner Sand bedeckt den Boden. Über den Köpfen der neun Abenteurer türmen sich mehr als zwei Kilometer Kalkgestein.
"Gra Skinchylas" - zu Deutsch "Das Spiel ist aus" - taufen die ukrainischen Höhlenforscher das Gewölbe. Von hier gibt es kein Weiterkommen. Doch sie haben das Ziel ja schon erreicht: Genau 2080 Meter unter dem Eingang der Krubera-Höhle im abchasischen Ortobalagan-Tal befinden sich die Kletterer - Weltrekord. Als erste Menschen sind sie mehr als zwei Kilometer tief in eine Höhle vorgestoßen.
Im Oktober vergangenen Jahres gelang den Forschern während einer 17-tägigen Tour de Force durch den Fels der Jahrhundertcoup, der erst jetzt bekannt wurde. "Ein Traum geht in Erfüllung", sagt Expeditionsleiter Alexander Klimtschuk vom Institut für Geologie der ukrainischen Wissenschaftsakademie in Kiew. "Seit 1956 in Frankreich die 1000-Meter-Marke unterschritten wurde, schwärmen Höhlenforscher davon, endlich auf 2000 Meter vorzudringen."
Der Erfolg ist das Ergebnis einer konzertierten Aktion, die Klimtschuk und seine Mitstreiter von der Ukrainischen Speläologen-Gesellschaft, der Vereinigung der Höhlenforscher, bereits seit fünf Jahren in die tiefsten Höhlen von Taurus und Kaukasus führt. Den "Ruf der Tiefe" nennen die Extremkletterer ihr von der US-amerikanischen National Geographic Society gesponsertes Projekt. "Diese Höhlen sind vergleichbar mit den Polen oder den höchsten Gipfeln der Erde", sagt Klimtschuk. "Die Leistung unseres Teams entspricht der Erstbesteigung des Mount Everest."
Tatsächlich sind Höhlen mit einer Tiefe von über 1000 Metern auf der Erde ähnlich rar gesät wie die 8000er unter den Bergen. Allein in Karstgebieten - Gebirgszügen, die fast ausschließlich aus Kalkstein bestehen - bilden sich derart ausgedehnte, vom Regenwasser geformte Höhlensysteme. In den französischen und österreichischen Alpen gibt es sie zum Beispiel, in Südmexiko, in einigen Gegenden Spaniens, in der Türkei und eben in Nordwestgeorgien.
Extrem durchlöchert ist das Arabika-Massiv in Abchasien. Steil abfallende Schächte und Schlote wäscht dort das Wasser in den leichtlöslichen Kalkstein, gräbt Gewölbe, sammelt sich in unterirdischen Senken, schießt schließlich aus Quellen am Fuß des Gebirgsmassivs wieder ans Tageslicht oder fließt unterseeisch in das Schwarze Meer (siehe Grafik).
Genau diesem Lauf des Wassers versuchen die Speläologen unter Tage zu folgen. Als entsprechend feuchtes und riskantes Vergnügen gilt die Begehung der Kalksteinhöhlen. "Unterkühlung ist die größte Gefahr", erläutert Klimtschuk. In der Krubera-Höhle etwa hätten die Forscher über Wochen bei Temperaturen von zwei bis acht Grad aushalten müssen. Eiskalte unterirdische Wasserfälle pladderten immer wieder auf sie nieder. Sogar überflutete Höhlenabschnitte waren zu durchtauchen.
Thermounterwäsche, wasserdichte Overalls, Trockentauchanzüge, Helme und Sicherungsgurte gehören zur Ausrüstung der Forscher, denen nach tagelanger Arbeit im Schein funzeliger Grubenlampen schließlich sogar das Gefühl für Tag und Nacht abhanden kommt. Allein Probleme mit dem Atmen haben die Speläologen nicht: Kalksteinhöhlen sind oft gut durchlüftet.
Entlang abfallenden Schächten von bis zu 150 Meter Tiefe seilten sich die Forscher hinab. Immer wieder mussten sie mit kleinen Sprengladungen Geröll aus dem Weg räumen. Enge Passagen, sogenannte Schluf-Stellen, galt es zu durchrobben. "Brustkompressoren" werden sie mitunter auch genannt, weil sie manches Mal nur mit eingezogenem Bauch und angehaltenem Atem zu meistern sind. "Leute mit Klaustrophobie haben dort unten definitiv nichts zu suchen", sagt Klimtschuk. Nur echter Teamgeist führe zum Erfolg, betont der Forscher: "Der Extremsport steht nicht im Vordergrund; wir sind Entdecker, die nur zusammen erfolgreich sein können."
Selbst wissenschaftliche Ergebnisse förderten die Kletterer schon zutage: Seltene Insekten sammelten sie beispielsweise in der Höhle. Die genaue Erkundung und Kartierung der Schründe und Schlote erlaube zudem einzigartige Rückschlüsse auf die Entstehung von Karstsystemen, sagt Klimtschuk.
Vor allem aber trieb die Höhlenforscher die Jagd nach dem Rekord voran - der allerdings gelang erst nach mehreren Anläufen. Bereits 1999 kraxelte ein Team von Extremcavern in der Krubera-Höhle 700 Meter in die Tiefe. Ab Mitte 2000 folgte Klimtschuks Team und schaffte im Januar 2001 mit 1710 Metern einen ersten Weltrekord.
Erst im vorigen Jahr konnten die Forscher endlich sogar die 2000-Meter-Marke knacken. Rund fünf Tonnen Ausrüstung schleppten sie mit ins Ortobalagan-Tal. Drei Kilometer Sicherungsseile verlegten sie nach und nach in der Krubera-Höhle. Vier Lager in 700, 1215, 1410 und 1640 Meter Tiefe richteten die Speläologen ein, komplett mit Zelten, Kochstelle und Telefonverbindung nach oben.
Dennoch scheiterte der Rekordversuch noch im August 2004 fast an einem zehn Meter tiefen Pool, der auf 1775 Meter Tiefe den Weg blockierte. Erst die Entdeckung eines engen Nebengangs, später "Weg zum Traum" getauft, brachte den Durchbruch: Am 19. Oktober ließ sich Klimtschuks Kletterkollege Kasjan einen letzten steilen Karstschacht hinabgleiten. Nur 170 Meter über dem Meeresspiegel endete - vorerst - die Expedition zum "Boden der Welt".
"Wir sind erstaunlich weit nach unten gekommen", kommentiert Klimtschuk den Erfolg, "aber es gibt die Möglichkeit, noch tiefer zu gelangen." Denn im porösen Sockel des Arabika-Massivs muss eigentlich das sogenannte Karst-Grundwasser stehen. "Diese wassergesättigte Zone haben wir noch nicht erreicht." Einige Dutzend Tiefenmeter, so glaubt Klimtschuk, dürften daher noch drin sein.
Wo sich das tiefste, je entdeckte natürliche Loch der Erde fortsetzen könnte, ahnt der Höhlenexperte auch schon. Bei der letzten Klettertour wagte einer der Forscher auf 1980 Metern den tiefsten Tauchgang aller Zeiten und durchschwamm einen überfluteten Höhlenabschnitt. Dahinter fand sich ein neuer, trockener Seitengang. Klimtschuk: "Dort werden wir weitermachen."
DER SPIEGEL 18/2005
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