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AKTUELLES
Abchasien: Mehr Vernunft, weniger Emitionen
Eine Legende besagt, dass die britische Herrschaft in Gibraltar beendet sein wird, sobald der letzte Affe den Felsen verlassen hat. Dieser Konflikt ist heute mehr als 300 Jahre alt und ist immer noch nicht bis zu Ende gelöst. Und der Streit um das kleine Abchasien wird erst dann gelöst, wenn die letzte russische Friedenstruppe aus dem Territorium abgezogen wird und das Volk seine Autonomie erhält. So denkt man. Nur stellt sich die Frage, ob die Lösung eines der zahlreichen „Frozen“-Konflikte der Gegenwart wirklich so einfach wäre?
Von IPS-Stipendiatinnen Ksenia Korelova und Maria Usacheva
Berlin, 30.07.2008
In der letzten Sitzungswoche des Deutschen Bundestages finden die letzten welt-, europa- und innenpolitischen Ereignisse statt, die wichtigsten Entscheidungen werden vor der Sommerpause getroffen: In Berlin läuft eine Ministerkonferenz zum Konflikt im Nahen Osten, die EU verhandelt mit Russland über das neue Partnerschaftsabkommen, Europa will im Konflikt zwischen Georgien und Russland vermitteln, der georgische Präsident Michael Saakaschwili wird von der Bundeskanzlerin, Angela Merkel, empfangen.
Im Hintergrund dieser Ereignisse wollten auch die Internationalen Parlamentsstipendiaten (IPS) den Ablauf der Weltgeschichte auf eigene Art und Weise beeinflussen, denn schließlich kann der Konflikt nicht von heute auf morgen gelöst werden und der vernünftige und friedliche Dialog auf der Nachwuchskraftebene der beiden Staaten ist eine gute Investition in die Zukunft. Die Veranstaltung von IPS-Stipendiaten aus Georgien und Russland unter dem Titel „Weg zum Frieden – Perspektive einer friedlichen Lösung des Abchasienkonfliktes“ mit der Unterstützung des Deutschen Bundestages fand am 26. Juni im Jakob-Kaiser-Haus statt und war eine Art von „Crash-Test“ für die Beziehung zwischen den beiden Staaten. Die Moderation wurde von dem Vorsitzenden der Deutsch-Kaukasischen-Parlamentariergruppe, Herrn Steffen Reiche (SPD) , übernommen. Eingeladen waren unter anderen Bundestagsabgeordneten, Experten und IPS- Praktikanten aus den verschiedenen Ländern.
Leider wies die Diskussion nicht den erwünschten sachlichen Charakter auf und hatte eine leidenschaftliche und einseitige Konnotation. Um diese Einseitigkeit ein etwas mildern zu können, wurde von der russischen Gruppe Eugen W. Krammig als Konsul Abchasiens und orthodoxer Priester eingeladen. Er hat den Konflikt aus der Sicht der abchasischen Seite dargestellt und hat sich auf einige historischen Aspekte konzentriert.
Eugen Krammig ist 1950 in Steinheim am Main geboren. Ein gelernter Industriekaufmann hat später seine Berufung im Journalismus gefunden. Seit 1979 bis heute ist er Bildjournalist, auch in den diversen Kriegseinsätzen, unter anderen 1992/93 in Georgien. Seit 1989 bis heute nahm Herr Krammig an über 100 humanitären Einsätzen als Journalist teil. Er hat viele Ehrungen erhalten, unter anderen das Bundesverdienstkreuz, Landesehrung im Niederösterreich für Kultur, Auen Preis des WWF Austria usw. Seit 1996 ist Eugen Krammig ein Bürger von Abchasien und Konsul, seit 2000 geweihter Priester der orthodoxen Kirche Russlands in Novy Afon.
Die Agenda des Abends wurde von der georgischen Seite bestimmt. Mit der Absicht einer einleitenden sachlichen Darstellung der Geschichte des Konfliktes, sollte die Rolle der russischen Friedenstruppen in Abchasien diskutiert werden, die weiteren Missionstruppen, wie z.B. UNOMIG, deren Rolle man auch nicht unterschätzen darf, blieben leider von der georgischen Seite unerwähnt. Ferner wurde das entsprechende internationale Recht angesprochen, ohne jedoch vergleichende Beispiele wie Kosovo oder Gibraltar zu nennen (wozu auch immer? Das ist doch eine komplett andere Story!). Das Highlight des Abends sollte der von der georgischen Regierung vorgeschlagene Friedensplan werden, wonach Abchasien eine breite Autonomie im georgischen Staat bekommen soll.
Dies wurde von den Stipendiaten aus Russland zur Kenntnis genommen. Für das große Nachbarland Russland ist es von außerordentlicher Wichtigkeit, dass der Frieden und Stabilität an seinen Grenzen herrscht. Wirtschaftliche Zusammenarbeit und das friedliche Zusammenleben der Völker sind eine optimale Voraussetzung für die erfolgreiche Entwicklung von allen betroffenen Ländern.
Leider gab es jedoch nicht sehr viele positive Anzeichen während der Veranstaltung in Bezug auf die Konfliktlösung in der nächsten Zeit. Dies ist aber auch nachvollziehbar: wenn die Völker so lange voneinander in einer sprichwörtlichen Isolation leben, kann die friedliche Lösung nicht von heute auf morgen stattfinden. Aber erste Bemühungen, vor allem der jungen Generationen, diese Thematik überhaupt wahrzunehmen, ist schon eine gute Ausgangsbasis. Es ist jedoch von großer Bedeutung, dass die Vernunft den Vorrang vor den Emotionen in jeder Konfliktlösung haben muss, und dafür plädierten wir im Laufe der Vorbereitung und in der Veranstaltung. Solange aber keine Bereitschaft entsteht, einen offenen Diskurs zu führen und auch eigene Fehler in der Geschichte einzugeben, bleibt der Konflikt „frozen“.
In der Zeit, als der Artikel geschrieben wurde, gab es vier Explosionen innerhalb von zwei Tagen (29. – 30.06.08) in abchasischen Städten Suchumi und Gagra, was zur Schließung der abchasisch-georgischen Grenze führte. Diese Ereignisse haben uns allen gezeigt, dass ein Dialog solch offener Art möglichst schnell statt finden und die politischen Strategien zugunsten des Friedens und stabilen Lebens der abchasischen Bevölkerung in erster Linie gewendet werden sollten.
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