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AKTUELLES
Das steinerne Land
Die Brücke über den Inguri
- Wollen Sie sehen? - fragt der
Stabsarzt. Er schaltet runter in den dritten Gang
und sieht mich schräg von der Seite an. Links
liegt das halbverfallene Fort aus der Türkenzeit.
Vor uns müsste jetzt die Brücke (Bild) über den
Inguri kommen. Die Waffenstillstandslinie.
Ich nicke. Der Mann von der Bundeswehr
reißt den Land Cruiser von der Straße auf die
Piste, haut den Vierradantrieb rein, stemmt sich
in den Sitz. Rambo lässt grüßen. Wir plumpsen
in zwei, drei Löcher, schlingern über Schlamm
und Panzerspuren, rutschen weg, kommen einem Mauerrest
der Türkenfestung zu nahe, gefährlich nahe, torkeln
gerade noch knapp auf die freie Seite. Endlich
die feste Grasnarbe. Ein kurzer, heftiger Spurt,
dann stehen wir mit einem Ruck. Ich unterdrücke
mein Dankeschön; es würde seltsam klingen nach
diesem verrückten Gewaltritt. Vor uns wie ein
eingefriedeter Acker, der Soldatenfriedhof. Mit
leichtem Druck öffnet sich die Pforte. Ich gehe
auf die Steinplatte zu. Drei Kreuze bilden einen
Halbkreis.
- Passen Sie gut auf, dass Sie nicht
einsacken, Sie mit Ihren Halbschuhen! - ruft der
Uniformierte.
Ich drehe mich um. Er steht in der
offenen Tür des Geländewagens; mit verschränkten
Armen, den Kampfanzug aufgepeppt mit Halstuch,
Sonnenbrille, polierten Schnürstiefel. Wie ein
State Trooper aus einer US-Serie. Er klingt nicht
gerade freundlich. Ist wohl sauer, dass er mich
am Wochenende von Senaki abholen musste. Die UNO-Antonow
aus Tiflis hatte Verspätung und außer den verlassenen
Bunkern für die zwei Dutzend MIG 29, die in der
Sowjetzeit hier stationiert waren, gibt es auf
dem Flugplatz nichts. Jedenfalls nichts, was einem
Bundeswehrstabsarzt im UNO-Einsatz die Zeit verkürzen
könnte. Nur narbiger Asphalt, Ölflecken, wildwachsendes
Gras und eine windschiefe Bretterbude. Und natürlich
der Blick auf den Kaukasus. Sogar zwei davon:
den Großen Kaukasus im Norden und den Kleinen
Kaukasus im Süden.
Ich knöpfe den Mantel zu und klappe
den Kragen hoch. Er kann mich mal. Es ist blendend
hell, ein kalter Wind fegt von den Bergen in die
Ebene. Der Wind trägt einen feinen Geruch heran
wie von trockenem Gras. An den Viertausendern
ist jede Zacke zu erkennen. Die Schneespitzen
stechen weiß in einen stählernen Himmel. Als hätte
jemand das Bild am Computer bearbeitet. Davor
im Vordergrund der Toyota und der Stabsarzt. Wie
ein Werbefoto für japanische Geländewagen und
auf flott gebürstete Stabsärzte der Bundeswehr
bei der UNO. Schöne neue Welt. Ich gehe langsam
zurück und wische die Schuhe am Gras ab, bevor
ich wieder in den Land Cruiser steige. Die Pforte
hat Teerspuren an den Fingern hinterlassen.
- Schon mal hier gewesen?
- frage ich, ohne ihn anzusehen.
- Natürlich, wir haben das hier in Ordnung gebracht.
-
- So? -
Ich stecke das weg. Mein Zweifel
war schlecht gespielt. Natürlich haben die das
in Ordnung gebracht, die Leute von der Bundeswehr.
Zumindest halten sie die Anlage in Ordnung, nachdem
sie einmal angelegt worden ist. In Georgien (Karte)
sind zwölftausend Kriegsgefangene gestorben. Nicht
nur Deutsche, aber die meisten davon. Ein paar
Dutzend liegen hier. Oder Hunderte? Überall im
Lande haben sie nach dem Krieg die großen Fabriken
und Gebäude gebaut.
Auch die Brücke über den Inguri
ist ihr Werk. Die Auffahrt kommt gleich hinter
der Türkenfestung, kaum dass wir wieder die feste
Straße erreicht haben. Die Brücke ist eine schmale,
auf Stein gelagerte Stahlkonstruktion, mit seltsamen
pyramidenartigen Aufsetzern an den vier Enden.
Kunst am Bau aus der Stalinzeit. Mein Bundeswehrfreund
schaltet herunter. Es wird eng. Auf der Fahrbahn
liegt eine Schmutzschicht. Wir fahren an einer
langen Reihe von Bauern und Frauen mit Körben
voller Gemüse vorbei. Ameisenverkehr über die
Brücke, kleiner Grenzhandel. Ab und zu ein paar
Stangen Zigaretten unter Tomaten und Gurken versteckt.
Der richtige Schmuggel, das ist der Schmuggel,
der sich wirklich lohnt, der mit den Drogen und
Waffen, läuft mit Geländewagen über die Furten
weiter nördlich. Er ist in festen Händen, nicht
bei Gemüsebauern und Frauen in bunten Röcken.
Dann unter uns sekundenlang der
Inguri, ein Flüsschen, an manchen Stellen gerade
noch ein Bach, in einem viel zu breiten Flussbett,
eingefasst von prallgrüner Vegetation. Im Frühjahr,
wenn das Schmelzwasser kommt, kann er noch lebhaft
werden. Sonst hat man ihm das Wasser abgegraben.
Georgier und Abchasen teilen sich die Kraftwerke.
Das klappt gut; lief sogar weiter, nachdem hier
geschossen und vertrieben wurde. Wir rollen von
der Brücke. Vor uns tauchen mannshohe Termitenhügel
auf.
- Wir sind da! - sagt der Stabsarzt,
als ob er auf ein Stichwort gewartet hätte und
reicht mir die Kartentasche. Die Karte ist auf
russisch. Ich bin im Westen großgeworden und brauchte
das nicht zu lernen. Ich lege die Tasche auf den
Rücksitz. Er guckt mich von der Seite her an.
Ich gucke zurück. Mit fällt nachträglich seine
leicht sächsische Klangfarbe auf. Oder thüringisch?
Wer kennt sich da schon aus.
- Wo sind wir? -
- An der Grenze! -
Der Inguri ist die Waffenstillstandslinie
zwischen Georgiern und Abchasen. Die UNO überwacht
das, dafür gibt es UNOMIG. Dazu gehört die Bundeswehr.
Die Russen sollen aufpassen, dass niemandem etwas
passiert. Das ist ihr Auftrag. Mit zweitausend
Mann Friedenstruppen. So heißen sie jedenfalls.
Ohne die Russen würde UNOMIG wieder abziehen.
Und der Krieg zwischen Georgiern und Abchasen
wieder anfangen. So hängt hier eines am anderen.
Ich drehe das Fenster herunter.
Es wird jetzt interessant. Qualm von Holzfeuer
dringt in den Wagen. Versetzte Balkensperren zwingen
uns zum Langsamfahren. Die Termitenhügel entpuppen
sich als Schützenpanzer hinter mannshohen Sandsackwällen.
Überall Splitterschutzwälle. Die ersten russischen
Posten. Pummelig wirkende Gestalten in grüngelbbraunen
Kampfanzügen. Wohl jeder mit einem halben Dutzend
Pullovern unter der Kampfjacke. Die Jacken mit
einem dicken, schwarzen Pelzkragen. Über den Kragen
Kindergesichter unter Stahlhelmen. Die Hände an
der Kalaschnikow. Wahrscheinlich Wehrpflichtige,
achtzehn, neunzehn, manchmal zwanzig Jahre alt.
Ich drehe mich um zu meinem Stabsarzt:
- Die können sich gratulieren, dass
sie nicht nach Tschetschenien mussten.
- Von wegen - kommt die Antwort, - das ist hier
nichts besser! -
Vielleicht kann man das so sehen.
Tschetschenien ist ja nur ein kleines Stück weiter.
Gleich auf der anderen Seite des Kaukasus. Die
russische Sicherheitszone am Inguri hat es auch
so in sich. Die georgischen Partisanen kommen
in der Nacht. Sie nennen sich Waldbrüder oder
Weiße Legion und geben sich politisch. In Wirklichkeit
sind es Banden. Meistens Schmuggel. Aber auch
mal Kidnapping oder Raub, wie es gerade so kommt.
Sie schießen aus Richtung der Dörfer. Damit die
Russen sich scheuen zurückzuschießen. Manchmal
scheuen sich die Russen. Manchmal auch nicht.
Dann gibt es in den Dörfern Tote. Und die Partisanen
haben neue Leute.
Der Stabsarzt sieht herüber. Ich
sehe, dass er Falten auf der Stirn hat. Seine
Stimme klingt nicht mehr sächsisch oder thüringisch.
Fast ein bisschen nach Kasernenhof:
- Bitte Fenster jetzt zu ! Und im
Fahrzeug bleiben! -
Ich tue mich schwer, den Ärger über
den Tonfall hinunterzuschlucken. Wir fahren langsam
im zweiten Gang. Stetig, aber nicht zu schnell.
Nur keine hastigen Bewegungen. Ein Gefühl wie
damals, wenn man in die DDR fuhr. Mein Stabsarzt
grüßt nach draußen; plötzlich ist er wieder freundlich.
Ein Offizier mit Tellermütze nickt. Der Stabsarzt
ist bekannt, sein Begleiter angemeldet. Nach Papieren
wird nicht gefragt. Wir sind UNOMIG. Die Bundeswehr
hat zu den Russen beste Beziehungen. Die Russen
haben ein Feldlazarett in Suchumi. Man hilft sich
gegenseitig.
Wieder eine Slalomsperre aus Balken
und nochmals Termitenhügel. Erneut die russischen
Soldaten-Kindergesichter über den schwarzen Fellkragen;
unsicher wirkende Gesichter, aber die Finger an
den Kalaschnikows. Dann sind die Russen vorbei.
Wir sind in Abchasien. Hier haben die Abchasen
das Sagen. Niemand sonst, außer vielleicht noch
den Russen, ihrer Schutzmacht. Jetzt ist das ihr
Land, das Land der Abchasen, seitdem sie, das
sind die vielleicht siebzigtausend Abchasen, die
ursprünglich noch nicht einmal zwanzig Prozent
der Bevölkerung stellten, im Unabhängigkeitskrieg
gegen Georgien 1992/93 dreihunderttausend Georgier
vertrieben haben. Und 1998 noch einmal die Rückkehrer.
Unterwegs nach Suchumi:
Weiter in Richtung Suchumi. Eine
Fernstraße in ordentlichem Zustand, kaum Verkehr.
Mein Freund im Bundeswehr-Kampfanzug legt ein
flottes Tempo vor. An den Seiten Bäume, saftig
tiefgrüne Pflanzen, manchmal Palmen. Wir schalten
die Heizung aus und öffnen das Fenster einen Spalt.
Würzige, feuchte Luft dringt überfallartig herein.
Es wächst in Abchasien alles, vom Wein bis zur
Baumwolle. Eine Landschaft wie der Garten Eden.
Die Pflanzenwelt reich und blühend. Eingebettet
zwischen Bergen und Wasser, in weichem, mildem
Klima. Das Ganze gekrönt von den weißen Kaukasusgipfeln
dreißig bis fünfzig Kilometer nach Nordosten.
Vielleicht noch näher, alle Einzelheiten stehen
greifbar und scharf gegen den blauen Himmel. Ein
paar Kilometer links von uns muss das Schwarze
Meer sein. Der Stabsarzt registriert meinen Blick.
Er deutet auf einen großen Bau auf einem Hügel
abseits der Straße. Vermutlich ein Urlauberheim.
Ich sehe, dass die Fenster leer sind. An den Wänden
schwarze Brandspuren.
- In der Sowjetzeit hatten die KGB-Größen
und die Generäle hier alle ihre Villen. Überall
Sanatorien und Gewerkschaftsheime. Fast jeder
große Betrieb hatte hier ein Ferienhaus -
' - Alles hinüber ? - Der Stabsarzt zögert einen
Moment. Dann antwortet er:
- Das meiste. Kaputtgeschossen und ausgebrannt.
Nördlich von Suchumi gibt es noch ein bisschen.
Dorthin reisen im Sommer auch wieder die Russen.
-
Wir kommen an dem Wrack einer Tankstelle
vorbei. Hinter einem Waldstück öffnet sich der
Blick auf einen Verschiebebahnhof. Auf den unterbrochenen,
an den gesprengten Enden grotesk aufgebogenen
Bahngleisen stehen Waggons mit zersplittertem
Holz und verbeultem Metall. Dann sind im Vorbeifahren
Gebäude zu sehen. Nur wenig ist zerschossen. Doch
was zu sehen ist, scheint ausgebrannt, leer, wie
ausgesogen und weggeworfen. Die Dächer sind verschwunden,
durch die Fensterlöcher kann man den hellen Himmel
sehen. Weißer Qualm dringt aus einem Ofenrohr,
das seinen Arm durch ein mit Holz vernageltes
Fenster steckt. Eine Notunterkunft ? Am Straßenrand
rosten schiefgefahrene Hinweisschilder. Die wenigen
Verkehrsschilder sind von Kugeln durchsiebt. Am
Straßenrand liegen Autowracks, auf das Dach geworfen,
einmal sogar ein T 54 mit abgesprengter Kette.
Über den Rost wuchern grüne Pflanzenarme. Die
Natur will sich ihr Reich zurückerobern
Dann endlich wieder ein paar hergerichtete
Bauten. Ab und zu ein ärmlicher Verkaufsstand
an der Straße. Hier und da ein Mensch. Der Anblick
schafft Erleichterung. Wir kommen rasch voran.
Mein Stabsarzt scheint die Fahrt zu mögen. Es
ist erstaunlich, dass die Straße in relativ gutem
Zustand ist. Hier haben im Abchasienkrieg 1992/93
Kämpfe zwischen den Georgiern und Abchasen stattgefunden.
Die Russen kamen den Abchasen zur Hilfe. Wer dann
noch da war, wurde von den Siegern vertrieben.
Anschließend kamen die Plünderer. Was noch stand,
wurde angezündet. Einfach so zum Spaß; vor allem
aber, damit es nicht zu leicht wird für die Flüchtlinge
mit dem Wiederkommen.
- Ist das hier überall so ? -
- So ungefähr. Weiter ab im Landesinnern ist es
nicht viel besser. Manchmal schlimmer. Da gibt
es Dörfer, die sind leergeblieben. Wie bei uns
nach dem Dreißigjährigen Krieg. -
Unser Toyota fährt langsamer. Otto,
wir haben unterdessen die Vornamen ausgetauscht,
sieht angestrengt durch seine Sonnenbrille nach
vorn. Ein Lastwagen zieht an den Straßenrand und
hält an. An einer Straßenbucht steht eine abchasische
Patrouille. Hinter ihnen zwei Ladas, davor ein
Wolga mit zwei Antennen. Ein älteres Modell noch
aus der sowjetischen Zeit. In ihm vier Männer
in Zivil die unbewegt geradeaus blicken. Die Uniformierten
aus den Ladas sind ausgestiegen, einer wirbelt
einen Leuchtstab in der Hand. Sie treten zur Seite,
als sie den weißen Land Cruiser mit der UNOMIG-Aufschrift
sehen. Wir fahren im Schritttempo vorbei.
- Was wollen die ? -
- Nichts von uns. Wir sind nichts für die. Die
suchen jemanden. Oder sie wollen nur ein paar
Rubel. Vielleicht beides. -
Wir durchqueren einen verlassen
wirkenden Ort. Wieder gibt es eine Anzahl verschont
gebliebener Bauten. Dazwischen ausgebrannte Häuser.
Die Straßen sind sauber aufgeräumt, ohne Trümmer
oder Schmutz. Ab und zu sind Frauen zu sehen.
Manche tragen Kopftücher und bunte Röcke wie auf
den Dörfern. Zwei Frauen huschen in einen Eingang,
als wollten sie nicht gesehen werden. Ein Gruppe
alter Männer mit unendlich viel Zeit an einer
Ecke. Dann wieder Ruinen. Es ist, als füllten
die Menschen das Bild nicht aus. Wie ein Mann
in einem zu groß geschnittener Anzug. Auf dem
Platz in der Ortsmitte noch ein Wolga mit den
zwei Antennen. Männer in Mänteln darin, die regungslos
geradeaus starren.
Dann sind wir wieder auf der Strecke.
Wir müssen bald in Gali sein. Geplant ist ein
Halt bei den Bundeswehrsoldaten im UNOMIG-Stützpunkt.
Anschließend weiter nach Ochamchira. Von dort
sind es noch fünfzig Kilometer bis nach Suchumi,
wo die abchasische Regierung sitzt. Der schönste
Ort am Schwarzen Meer, wenn die Ruinen nicht wären.
Es gibt viele Ruinen. Stalin hatte dort seine
Lieblingsdatscha. Die steht noch, trotz Krieg.
Heute ist sie das Gästehaus der abchasischen Regierung.
Die UNO sitzt in Berijas ehemaliger Datscha hoch
am Hang über der Stadt. Die ist etwas bescheidener,
wenn auch nicht ohne Eleganz mit ihrer großen
geschwungenen Holztreppe und den Säulen. Von der
Lage her ist sie fast noch schöner. Wenn man die
Mühe nicht scheut, von Berijas Datscha noch ein
wenig weiter den Berghang hochzusteigen, kommt
man an einen der schönsten Aussichtspunkte der
ganzen Küste.
Doch bis dahin ist es noch weit.
Ich versuche zu dösen, aber die Löcher in der
Fahrbahn schlagen allzu heftig ins Kreuz. Die
Straße ist längst nicht mehr so gut wie vorhin.
Rechts und links wuchert jetzt eine wilde, dichte
Vegetation ohne eine Spur menschlicher Tätigkeit.
Ich sage meinem Bundeswehrfreund Otto, dass er
einen Moment anhalten soll.
- Aber nicht aussteigen! -
- Warum nicht? -
- Minen! -
Ich verzichte auf das Anhalten.
Jetzt sehe ich die kleinen dreieckigen Schilder
am Straßenrand. Die Warnungen sind auf russisch
und englisch. Die Tafeln sind nicht groß. Man
muss schon genauer hinsehen. Otto steckt sich
eine Zigarette an. Zu fragen hält er nicht für
nötig. Ich gönne ihm, dass er sich bei dem Geschüttel
die Pfoten verbrennt. Er schlenkert heftig mit
seiner rechten Hand, bläst sich auf die lädierten
Fingerspitzen. Einen Augenblick scheint er nachzudenken.
Dann sagt er, ohne die Fahrbahn aus den Augen
zu lassen:
- Vor zwei Tagen hat es hier wieder
einem das Bein abgerissen. Einem Mann aus Suchumi
auf der Fahrt nach Hause. Mit der Familie im Auto
unterwegs. Er wollte nur austreten. -
- Er hätte tot sein können! -
- Tote gibt es bei diesen Minen nicht. Allenfalls
wenn es Kinder erwischt. Normalerweise wird immer
nur ein Bein abgerissen. Selten beide Beine. Oft
sogar nur ein Fuß. -
- Warum? -
- Die Minen sind dafür konstruiert. Wenn es gekracht
hat, ist zunächst einmal das Opfer außer Gefecht.
Dann kommt ein Helfer. Sogar ein paar Leute sind
nötig, wenn der Verletzte abtransportiert wird.
So schaltet man nicht nur das Minenopfer aus,
sondern bindet zusätzliche gegnerische Kräfte!
-
Ich höre schweigend zu. Was sollte
man das bezeichnen? Vielleicht Zynismus der Tat?
Plötzlich reagiert das Auto heftig. Freund Otto
ist eine Spur zu scharf in die Kurve gegangen.
Die Reifen jaulen, ein mulmiger Moment, doch problemlos
fängt sich der Land Cruiser wieder. Wir fahren
nun weniger schnell, stets und unaufhörlich begleitet
von der widersprüchlichen Straßenkulisse aus überreicher
Natur und den Spuren menschlicher Verwüstung.
Wir erreichen Gali. Die Bundeswehr
hat hier ihren Sanitätsstützpunkt. Eigentlich
ist er für Verletzte aus der UNOMIG-Truppe da.
Aber dort passiert nicht viel. Die sind geschult
und haben minengeschützte Fahrzeuge. Und wenn
doch etwas passiert, so wie im letzten Herbst
bei dem Hubschrauberabschuss, dann braucht man
keine Ärzte mehr. Deshalb helfen Stabsarzt Otto
und die anderen von der Bundeswehr der Zivilbevölkerung.
Nicht nur bei den Minen, sondern überhaupt. Das
sind hier ihre Aufgaben. Hier in Abchasien, dem
steinernen Land; im Jahre Neun der Unabhängigkeit.
Maximilian H., 16.4.2002 Tiflis
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