|
AKTUELLES
Die Brücke der Deutschen
An der Grenze zwischen Abchasien
und Georgien treffen sie sich: der Halunke Ali
Baba, ein paar Klageweiber und der Einbeinige
- Eine kaukasische Abenteuergeschichte
von Andrea Strunk
Ali Baba hat mehr als 40 Räuber.
Wenn ich will, sagt er, würden Hunderte von Männern
meinem Befehl folgen. Zur Unterstützung der Aussage
sticht er sein Messer in die Schale einer Wassermelone.
Als Ali Baba das sagt, hat er seit
vier Stunden getrunken. Wodka, Bier, Brause, Wodka,
Bier. Mit jedem Glas werden die Geschichten länger,
die Wahrheiten kürzer. So manches sagt sich dann
leicht und könnte ja auch stimmen, in dieser kaukasischen
Einöde, in der es Gesetze gibt, die nur Männer
begreifen. Über Ali Baba erzählt man sich die
Geschichte, wie er in Afghanistan kämpfte und
die Nerven hatte, statt auf seinem Posten zu stehen,
zu den Weibern zu gehen. Aus Afghanistan brachte
er Narben im Gesicht mit. Von Splittern, nicht
von den Frauen. Er sagt, 30 Kilometer vor Kabul
habe er in die Hölle geschaut. Seitdem fürchte
er sich vor nichts. Auch das muss nicht wahr sein.
Richtig ist, dass kaum einer die
Brücke über den Inguri so unbeschwert überquert
wie er. Mit dem wiegenden Schritt der Selbstsicherheit.
Lässig schüttelt er die Hände der Georgier, Russen,
Abchasen. Ali Baba, sagen die, wie geht's, was
machen die Geschäfte? Dann lachen sie. Männerlachen
ist das. Wissend, ein wenig zynisch, rau von Nikotin
und zu viel schäbiger Wirklichkeit.
Tausend Schritte sind es über den
Fluss Inguri. Mal mehr, mal weniger. Die Alten
mit ihren schweren Handkarren machen kleine Schritte.
Die russischen Soldaten schreiten weit ausholend.
Die Frauen in der schwarzen Witwenkleidung brauchen
am längsten. Von Georgien kommend, ist ihr Gang
zögernd, als fürchteten sie sich. Von Abchasien
kommend, drehen sie sich wieder und wieder nach
den grünen Bergen um, bleiben am Brückengeländer
stehen und schicken Seufzer in das klare Wasser.
Tausend Schritte sind es, die Land
von Land trennen, Ufer von Ufer, Bruder von Bruder,
die Familien auseinander reißen. Östlich erhebt
sich der Große Kaukasus, und westlich liegt in
der Ferne das Schwarze Meer. Dazwischen ist der
Inguri, ist niemandes Land, üppig von Unberührtheit,
minengespickt. Kühe und Pferde grasen im satten
Weidenmorast. Wenn einer von der "Brücke über
den Inguri" spricht, dann meint er diese, die
das Trennende verbindet.
Zugdidi ist das Ende Georgiens,
eine Kleinstadt wie aus der Dritten Welt. Ein
Basar auf matschigem Boden, heruntergekommene
Häuser, schäbige Flüchtlingsbaracken. Der schale
Geruch der Hoffnungslosigkeit mischt sich mit
dem beißenden Rauch der Plastikreste, die jemand
verbrennt, um sich zu wärmen. Junge Männer in
schwarzen Hosen, mit schwarzen Sonnenbrillen und
billigen schwarzen Schuhen lungern an jeder Ecke
herum, wollen wie Verbrecher aussehen und sind
doch nur drittklassige Waffenschieber.
Dort in Zugdidi hat Ali Baba seine
Räuber rekrutiert, denn dort behauptet jeder Kleinkriminelle,
er sei ein Partisan. Weil es so glorreich ist.
Und weil ohnehin jeder in Georgien und Abchasien
glauben möchte, der Streit um Abchasien werde
auf beiden Seiten von unerschrockenen jungen Männern
ausgetragen, die sich bei Nacht in Feindesland
wagen. Für Ehre und Vaterland, das klingt besser,
als zu sagen, dass man grenzenlose Wut über sein
schäbiges kleines Leben empfindet. "Eines Tages
holen wir uns zurück, was uns gehört", sagt Ali
Baba nach einem Trinkgelage gern zu seinen Räubern.
In Zugdidi heißt das Bauwerk über
den Inguri "die Brücke der Deutschen", weil sie
von deutschen Kriegsgefangenen erbaut wurde. Dass
sie noch immer in gutem Zustand ist, verdankt
sie diesem Umstand. "Deutsche Wertarbeit", sagen
sie mit anerkennendem Schnalzen. 870 Meter lang.
In Zementplatten gegossenes Heimweh. Alle 35 Meter
forderte der Bau einen Toten, insgesamt 13, die
nun Staub in einem Massengrab sind. "Hier liegen
deutsche Kriegsgefangene, die 1944 bis 1948 die
Brücke über den Inguri bauten", steht auf einem
Stein unter einem schlichten Kreuz. Keine Namen,
und auch sonst keine Spur, wer sein Leben mit
Blick auf diese grünen, so sinnlich grünen Berge
von Abchasien verlor.
50 Jahre lang spannte sich die Brücke
über den Inguri, ohne, dass man sie je wieder
erwähnt fand. Händler, Bauern, Hirten zogen hinüber,
Reisende von Suchumi nach Tiflis. Aus der Semi-Autonomen
Sowjetrepublik Abchasien gab es keinen anderen
Landweg in die autonome Sowjetrepublik Georgien.
Zur einen Seite das Meer, zur anderen der Kaukasus.
Die Legende sagt, irgendwo an dieser
Küste landete Jason mit seinen Argonauten und
raubte dem König der Kolchis das Goldene Vlies
und die Tochter zugleich.
Legende ist auch die Behauptung,
jene Abchasen, die dem Land den Namen gaben und
die Georgier, in deren Geschichtsschreibung Abchasien
ein Teil der georgischen Kolchis war, lebten hier
über Jahrhunderte friedlich zusammen. Man lebte
wohl Haus an Haus, bestellte Pflug an Pflug die
Felder. Zitronenhain grenzte an Zitronenhain.
Wenn die Nachbarin krank war, brachte man zum
Abend eine Suppe für die Familie, ob nun abchasisch
oder georgisch. Am Abend spielten die alten Männer
an der Strandpromenade von Suchumi eine Runde
Schach. Georgier mit Abchasen. Aber die Landessprache
war Georgisch, nicht Apsny, es gab schöne Schulen
für Georgier, weniger schöne für die Abchasen.
Es gab gute Schulbücher für die Georgier und weniger
gute für die Abchasen. So ging es. Ob Job oder
Krankenhausplatz, ob Mannschaftsaufstellung oder
Stipendium. Die Georgier waren besser dran. Abchasiens
Kultur war georgisch. Abchasiens Geschichte war
georgisch. Nicht, dass es im ländlichen Alltag
einen Unterschied gemacht hätte. Ernte war Ernte,
Arbeit war Arbeit. Nur die Studenten in Suchumi,
die Intellektuellen saßen beisammen und sprachen
über die Wurzeln, die keinen Boden mehr haben.
Über den Verlust ihrer Traditionen und ihrer Sprache,
das Verschwinden der kollektiven Erinnerung. Über
die georgische Großmäuligkeit, den unerträglichen
Nationalismus und die kleinen Schikanen, die Nadelstiche
waren, als es kein Wehren gab. Als sich aber der
Weg zur Freiheit plötzlich öffnete, erschienen
sie wie Messerstiche.
Dass Abchasiens David den Krieg
gegen Georgiens Goliath gewann, verdanken die
Abchasen der russischen Unterstützung. Später,
als nach zwei Jahren die Waffen schwiegen und
beide Seiten wehklagend und zornig die Söhne zählten,
die sie verloren hatten, sagte man, der Krieg
zwischen Georgiern und Abchasen sei ein ethnischer
Konflikt gewesen. Da war es leicht, die heißeste
aller Flammen, den Völkerhass, als Ursache zu
sehen. Mütter und Väter, untröstlich in ihrem
Schmerz, nickten dazu und waren bereit, die andere
Nationalität zu verachten. Fast eine Viertel Million
Georgier flohen aus Abchasien. Manche übers Meer.
Manche über die Berge. Die meisten über den Inguri.
So wurde die Brücke zur Requisite eines weiteren
Krieges.
Drei Mal muss, wer heute von Zugdidi
aus über die Brücke geht, geweißte Barrikaden
überwinden. Gleichgültig hocken die georgischen
Grenzer in ihrem Wellblechkabuff. Nur Klageweiber,
Alte und Schmuggler gehen über diese Brücke und
werden je nach Laune von den Zöllnern belangt
oder in Ruhe gelassen. Belangt, das heißt, in
Lari zahlen. Ein Grund findet sich immer. Bei
den Schmugglern sowieso, die reichen unaufgefordert
die Scheine weiter. Einmal die Woche rollen von
hüben und drüben gepanzerte UN-Fahrzeuge der Marke
Toyota und machen im Niemandsland Halt. Bombendrohungen
sind häufig, wirkliche Bomben selten. Entführungen
bringen mehr Geld. Geschäftsleute und Mitarbeiter
der UNO am meisten, sagt Ali Baba, und der muss
das wissen.
Kriegerisch, gebieterisch sperren
die Russen den Weg. Ihre Anwesenheit verstößt
gegen internationales Recht, eigentlich haben
sie auf der Brücke nichts zu suchen, sie demonstrieren
lediglich, was ohnehin alle wissen: Abchasien
ist schon Russland. Den Zutritt zur Brücke verwehren,
nein, das käme den Russen nicht in den Sinn. Sogar
deutsche Limousinen, noch mit Kölner, Wuppertaler,
Hamburger Kennzeichen, mit dampfenden Reifen von
der langen Fahrt durch die Türkei bis nach Abchasien,
heiße Schmuggelware, selbst mit diesen Wagen kommt
man über die Grenze. Kostet nur, sagt Ali Baba.
Je nach Zustand.
In das Geschäft mit den Wagen mischt
Ali Baba sich nicht ein. Sein Ding sind Waffen
und Menschen. Erste im Privatinteresse. Von irgendetwas
muss der Mensch ja leben. Mit Menschen beschäftigt
er sich im Auftrag der georgischen Regierung.
Solche, die nach Abchasien entführt wurden. Oder
georgische Partisanen, die in abchasischen Gefängnissen
landeten. Oder Gefangene aus dem Bürgerkrieg.
Tot oder lebendig holt er die raus, lieber natürlich
lebendig, sagt Ali Baba.
Die Uniformen der abchasischen Grenzer
sind verschlissen. Am Schild, auf dem "Republic
of Abchasia" zu lesen ist, endet die freie Welt,
und Russland beginnt dort noch lange nicht. Abchasien
ist ein Gebilde, das es völkerrechtlich nicht
gibt. Am letzten Schlagbaum vor Abchasien schiebt
ein kleiner Mongole Wache, dem sein Blauhelm und
die Stiefel zu groß sind. Ali Baba verteilt Zigaretten
und Scheine, verspricht neue Geschäfte, klopft
Schultern. "Fingerspitzengefühl, Kontakte, Zeit",
damit, meint Ali Baba, ginge alles.
Manchmal geht an der Brücke der
Deutschen nichts mehr. Wenn zum Beispiel die Mobiltelefone
nicht funktionieren und übergeordnete Stellen
- welche das sind, wissen nur Männer wie Ali Baba
- nicht zu erreichen sind. Manchmal reicht es
auch, wenn die Zigarettenmarke die falsche ist.
Meist sind die Gerüchte schuld, die sich aus nichtigen
Gründen aufbauen und im Laufe eines Tages zu überdimensionaler
Größe blähen, bis sie zerplatzen. Anschläge, Überfälle,
Kehlen durchgeschnitten. Manchmal reicht ein falscher
Witz wie der, den Ali Baba über den Soldaten macht,
der sich am Schlagbaum herumdrückt. Dem fehlt
das linke Bein, seine Uniform ist verdreckt, die
Augen sind vom Alkohol gerötet. Wo denn sein Bein
liege, will Ali Baba von dem Mann wissen. In Afghanistan?
Er lacht dröhnend und verstummt erst, als der
Krüppel auf ein Uferstück gleich neben der Brücke
über den Inguri weist und ausspuckt. "Verflucht
seien die georgischen Bastarde."
Da helfen alle Anrufe bei Kontaktmännern
nicht mehr. Der abchasische Schlagbaum bleibt
geschlossen. Ali Baba macht sich müde auf den
Rückweg. Tausend Schritte sind es über den Inguri.
Mal mehr, mal weniger.
Artikel erschienen am 10. März 2004
© WELT.de 1995 - 2004 Vollständige
Url des Artikels: http://www.welt.de/data/2004/03/10/249051.html
|